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Scarpine

Verschlagener Korse

  • »Scarpine« ist männlich

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Freitag, 16. August 2019, 23:30

Im Jahrzehnt der Achtziger ist die Diskrepanz zwischen Zuschauer- und Fan-Wahrnehmung wohl insgesamt am größten, bis hin zur paradoxen Gegensätzlichkeit. Für das Normal-Publikum war es in der ersten Hälfte wohl Moore-Business as usual, bis hin zur echten Ermüdung. In der zweiten dann bemühtes Wannabe-Connery mit einem mauen Darsteller, dem es an Erotik und Augenzwinkern fehlte.
Perfekt auf den Punkt gebracht. Und ich bewege mich mit meiner Einschätzung gewissermaßen zwischen diesen Polen. Ich sehe die Nuancen, die kleinen Highlights, die die fünf Filme dem Franchise gebracht haben, finde aber auch, dass die Massenwahrnehmung nicht trügt und die Fans vor den problematischen Aspekten der Glen-Ära gerne die Augen verschließen. Ich stimme dir soweit zu, dass Glen schon seine Verdienste hat und gute, solide Arbeit ablieferte, aber für mich ist er immer ein Mann der zweiten Reihe gelieben. Es mag sein, dass auch Cubbys Beharren auf dem Produktionsturnus und den Veteranen und die größere Konkurrenz durch McClory und andere große Action-Filme eine Rolle gespielt haben, aber auch Glens Regieleistungen sind eben durchweg alles andere als prickelnd. Seine Schauspielführung und sein Szenentiming finde ich zum Beispiel schlechter als bei seinen Vorgängern, er hat keinen ausgeprägten Sinn für große, ikonische Bilder wie Gilbert und Ausleuchtung und Cinematographie können auch nicht mit den Vorgängern mithalten. Auch finde ich, dass die Glen-Filme häufig zu lang geraten sind. Thunderball wird ja mit seinen 130 Minuten immer gerne vorgeworfen sich unnötig in langen Vulkan- und Unterwassersequenzen zu suhlen, aber solche Szenenfolgen finde ich dem Sujet und der Atmosphäre zuträglicher, als diverse verzichtbare Szenen in den Glen-Filmen, wo man sich als Zuschauer immer wieder mit überflüssigen Subplots, schwachbrüstigen Nebendarstellern, lauen Gags und faden Szenerien herumschlagen muss. Spürte man in den letzten Gilbert-Bondfilmen förmlich den Elan Bond wieder überlebensgroß zu machen und Sensationelles zu bieten, tragen die meisten Achtziger-Bonds scheinbar den Subtext "Wir machen mal wieder einen Bondfilm..." vor sich her. Meiner Ansicht nach wird die kreative Kraftlosigkeit der Neunziger schon ein Jahrzehnt vorher vorgeprägt, als das Franchise hier erstmals echte, gravierernde Ermüdungserscheinungen zeigte.

Die Fans sehen gerade die zweite Hälfte der 80er dagegen völlig anders. Der herausragende, sensationelle Film, der in neue Gewässer aufbricht, ist für viele TLD. Und ich schließe mich da ehrlich gesagt so ziemlich ein. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich den zum ersten Mal gesehen habe und alle fünf Minuten ein absolutes 'Boah'-Gefühl hatte, bis einschließlich des Finales auf dem Flugzeug-Gepäcknetz. Und ich liebe ihn bis heute, und wünsche mir oft, dass ihn die Allgemeinheit der Zuschauer ähnlich wahrnehmen könnte. Tut sie aber bis heute leider nicht. Die Fans sehen dann konsequenterweise auch LTK als den mutigen Ausnahme-Film, der seiner Zeit - und seinem Publikum - zu weit voraus war. Innerhalb des Fandoms haben Dalton und LTK daher manchmal einen geradezu messianischen Nimbus. Der Märtyrer-Bond, der zuviel wollte und konnte, die tumbe Masse der Popcornmampfer überforderte und dafür bestraft wurde.
Auch das ist für mich mittlerweile eine Art Fandom-Legende. Weder erfindet The Living Daylights irgendwo das Rad neu, noch hat er etwas überragend "Sensationelles" wie die Glanztaten von Connery & Moore an sich. Vielleicht wird die Fleming-Seele etwas mehr gestreichelt, ja; aber auch hier vollzieht sich alles im typischen Glen-Einerlei. Bei Licence To Kill frage ich mich immer, wieso der seiner Zeit so voraus gewesen sein soll. Daltons Interpretation war doch letztlich auch nur eine Mischung des Connery - und Lazenby-Bonds mit einer Prise mehr Romancharakter. Dass die Zuschauer nur noch auf Moore-Gags eingestellt waren, ist doch auch so eine Mär, die Tesche in seinen Bondbüchern postuliert hat. Tatsächlich liefen seinerzeit doch noch diverse ältere Bondfilme als Wiederaufführungen im Kino und einige hatten auch schon ihre TV-Premiere gefeiert. Die ernsthaftere Herangehensweise kam also auch für die jüngeren Zuschauer nicht aus dem Nichts. Zumal man mit diesem knallharten Drogen-Abenteuer-Racheplot an südamerikanischen Schauplätzen doch kaum näher am Atem des 80er Action-Kinos hängen konnte und man damit den Finger voll am Puls der Zeit hatte. Ich glaube, mit Brosnan hätte auch das besser und erfolgreicher funktioniert. Folglich waren weder Daltons Interpretation, noch der Ton seiner Filme seiner Zeit voraus, sondern seine Ära hat wegen ihm nicht gezündet. Craig, der ja gerne als Daltons "Erbe" gesehen wird, hat nämlich genau das publikumsbindene Charisma wie Connery, Moore und Brosnan. So bitter es klingt: Dalton war und ist eben nur aus Fansicht ein guter 007. Und seine zwei Filme hatten meines Erachtens auch nie den "Impact" auf die Serie, der von vielen Fans immer so "messianisch" beschworen wird. Auch wenn GoldenEye sicher nicht zu meinen Lieblingsfilmen gehört (nebenbei: Mein dritter "Neurosen"-Bond), muss ich doch zugeben, dass er weit mehr Fan-generierendes und Ära-prägendes Potenzial in sich birgt als die beiden Dalton-Filme zusammengenommen.

Um noch eine blasphemische Schlussbemerkung zu wagen: Ich glaube, dass eine längere Pause nach OP und dann ein Debüt von Pierce Brosnan eben jenen Event-Bond in den 80ern hätte schaffen können. Bei aller Liebe zu Tim Dalton... Brosnan hatte dann doch diesen magischen Draht zum Publikum, der so wichtig ist. Und in den späten 80ern hatte er auch noch diese Attraktivität der jugendlichen Arroganz und Unbeschwertheit, während er in den 90ern dann unterschwellig immer etwas angepisst und bemüht wirkte.
Da wäre ich voll bei dir, obwohl ich Dalton in der Rolle sehr mag. Aber mit Brosnan als 007 ab 1985 wäre der Reihe insgesamt mehr gedient gewesen. Soweit sollte man die rosarote Fan-Brille schon abnehmen können.
"Enjoying our little party, Monsieur... Saint John Smythe?"

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Scarpine« (16. August 2019, 23:54)


Feirefiz

The Other Fellow

  • »Feirefiz« ist männlich

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122

Gestern, 20:02


Um noch eine blasphemische Schlussbemerkung zu wagen: Ich glaube, dass eine längere Pause nach OP und dann ein Debüt von Pierce Brosnan eben jenen Event-Bond in den 80ern hätte schaffen können. Bei aller Liebe zu Tim Dalton... Brosnan hatte dann doch diesen magischen Draht zum Publikum, der so wichtig ist. Und in den späten 80ern hatte er auch noch diese Attraktivität der jugendlichen Arroganz und Unbeschwertheit, während er in den 90ern dann unterschwellig immer etwas angepisst und bemüht wirkte.
Es mag vielleicht manche der verbliebenen Foristen überraschen, aber auch ich stimme dem zu, ebenso wie vielem anderen, was in den letzten Beiträgen zu lesen ist. Hier gilt es zwischen eigenen Vorlieben und der Macht des Faktischen zu unterscheiden. So großartig ich die Dalton-Filme auch und gerade wegen ihres Hauptdarstellers finde, ist es nicht zu leugnen, dass er das Publikum nicht neu für Bond gewann, wie es Brosnan oder Craig gelang. Und so gerne ich mir Dalton in einigen GE-Szenen vorstelle – mit M und mit Alec –, ist klar, dass der Film mit ihm nicht dieser kommerzielle Triumph geworden wäre. Das Verkaufsargument von GE war Brosnan. Zwar halte ich GE für qualitativ misslungen, aber zweifellos ist er einer der 5 wichtigsten Filme der Franchise-Geschichte, und er ist bis heute der letzte Bond, der Szenen im popkulturellen Gedächtnis verankern konnte (Bungee, Panzerfahrt). Das ist weder Brosnans Vorgänger noch seinem gefeierten Nachfolger gelungen (Letzterem am ehesten noch in der Schlussszene von CR).

Bond ist kein Kammerspiel und kein Shakespeare-Drama, sondern eine Actionsause, durch die der jeweilige 007 sein Publikum führt – deswegen ist es zweitrangig für das Massenphänomen Bond, wie vollendet er gespielt wird. Wichtig ist, ob das Publikum den Helden bewundert bzw. anschmachtet, ob es ihm gerne über den Rummelplatz folgt. Regelmäßig durchbricht Bond die 4. Wand, etwa bei seinen One-Linern, die er auch vom Stapel lässt, wenn kein anderer da ist – keiner aus ihm und eben uns. Bei Dalton gibt es das nicht oder er fremdelt damit – vielleicht aus Unvermögen, vielleicht aus Unwilligkeit, da es seinem Wunsch, den Charakter ernstzunehmen, widersprach. Aber der Film-Bond ist weniger Charakter als Projektionsfläche. Und dazu taugte Dalton ganz offensichtlich nicht so wie seine Kollegen, Lazenby mal ausgenommen. Dass Dalton aufgrund seiner „seriösen“ Herangehensweise, seines Fleming- bzw. Connery-Bezugs (also eher aus traditionalistischen als „progressiven“ Gründen) und was weiß ich ein „guter Bond allein für Fans“ war – sprich: wegen Dingen, für die sich der normale Kinogänger mit jedem Recht nicht interessiert –, ist kein schlechtes Argument; da ich Dalton allerdings schon gut fand, bevor ich auch nur eine Zeile Fleming gelesen habe, gehöre ich hier wohl einfach zu der Minderheit, die es bei jeder Mehrheit eben auch geben muss.

Mag TLD für eine Reihe von Fans der Event-Bond der 80er sein, dem allgemeinen Gedächtnis ist er längst entschwunden; das Einzige, was die Dalton-Filme noch immerhin ihren Namen nach vor dem Vergessenwerden bewahrt, sind ihre nach wie vor ganz gern gespielten Titelsongs. Wenn die 80er einen Event-Bond hatten, ist es wohl ironischerweise der Konkurrenzfilm NSNA, obgleich einzig wegen des Connery-Comebacks, das jenseits des EON-Fließbandes als bemerkenswertes Ereignis wahrgenommen wurde (und in Erinnerung geblieben ist), auch wenn der Erfolg dann doch nicht überragend war und der Leumund des Endprodukts nicht der beste sein mag. Der Film genießt sicher nicht den Status eines GF, TSWLM und CR, dürfte aber von den 80er-Filmen noch am ehesten derjenige sein, bei dessen Titel es bei den meisten klingelt. Für nicht wenige wohl ein besonders zwingendes Indiz für die vermeintliche Tristesse dieses gescholtenen Jahrzehnts.

Mit Freude deklinieren wir hier die Unterschiede der einzelnen Filme, Darsteller etc. durch; doch natürlich bewegen wir uns hierbei in einer Blase, die dem Publikum, für das die Filme zu 99 % gemacht werden, völlig fremd ist – und damit ist das Publikum der Quintessenz der Filme unterm Strich näher als wir, die wir häufig Gefahr laufen, das Ganze zu ernst zu nehmen und himmelschreiende Diskrepanzen zu konstatieren, wo der Gelegenheitsgucker bestenfalls von Nuancen sprechen würde. Wir Fans leiden mehrheitlich an dem Tarzan-Schrei in OP – der normale Zuschauer findet das lustig oder auch nicht, aber für ihn gehört Albernheit eben zu Bond wie die Gunbarrel-Sequenz. Wir Fans sind mehrheitlich begeistert, wie Dalton in TLD den Ballon zum Platzen bringt, aber das ist nicht der Grund, weswegen Millionen in die Filme gehen. Wer menschliche Dramen und hohe Schauspielkunst sehen will, schaut sich keinen Bond-Film an. Allenfalls bei CR lag eine gewisse feuilletonistische Aufwertung des Franchise in der Luft (weil es hier vielleicht zum einzigen Mal gelang, einen verhältnismäßig menschlichen Bond zu zeigen, ohne ihm den Superhelden-Appeal zu nehmen: Das wird Craigs Verdienst bleiben, so kritisch ich ihn inzwischen sehe), wobei zu fragen ist, ob man sich das überhaupt wünschen soll. Ansonsten gilt seit eh und je: Es muss knallen, es muss Spaß machen, die zwei Stunden müssen wie im Flug vergehen, der Rest ist, wenn überhaupt, B-Note: für das Massenphänomen Bond weitgehend bedeutungslos, für uns Fans aber Quell schöner und ergiebiger, wenn auch elfenbeinerner Diskussionen.
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are —
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Feirefiz« (Gestern, 23:00)


Spree

Bondforumswissenschaftlicher Forscher & Mitglied der QOS-Splittergruppe

  • »Spree« ist männlich

Beiträge: 993

Registrierungsdatum: 25. Mai 2013

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123

Heute, 02:30

Wow!
Da haben die Herrschaften eine superspannende Diskussion entfacht, zu der ich leider gar nichts mehr beitragen kann, da alles, was ich hätte sagen wollen, schon jemand anders vorher und besser geschrieben hat.
Danke!!

I never left!